20. Oktober 2015 Autor

Ein Familienwappen lernt Fliegen

Holstein-Familienwappen-Flügel

… oder wie „moderne“ Kriterien in heraldisch richtiger Form in ein Familienwappen eingebracht werden können.

Familienwappen und Gestaltung

In das Familienwappen sollte das moderne Berufsbild des Wappenstifters, ein Dr. Ing. der Luft- und Raumfahrttechnik, mit einfliessen. Das bedeutete für uns Fluggerät, Flugzeugflügel, Propeller oder Navigationsgerät als „Gemeine Figur“ oder „Helmzier“ in das Vollwappen einzuarbeiten.

Der Wunsch des Wappenstifters wurde durch seine artverwandten Fähigkeiten und Hobbies, wie die Fliegerei und das Steuern von Segel- und Motorbooten unterstrichen. Als weitere Bestandteile des Wappens sollten natürlich auch die Familiengeschichte, Herkunft und Berufsstände der Vorfahren berücksichtigt werden.

Die Helmzier

Für das Steuern von Wasser- und Luftfahrzeugen waren schon immer Navigationsgeräte und der Sternenhimmel notwendig; als heraldisches Stilelement wählten wir hier eine Windrose aus.

otto-lilienthal-segler-wappen-vorlageDie Herausforderung waren nun die Flügel. Geeignet als Helmzier, bot sich hier der Einsatz eines Flügelpaares, wie sehr häufig in der Wappenkunst verwendet, an. Der Wunsch des Stifters war aber eindeutig: Es sollte kein „Federvieh“ sein, und eine Darstellung entwickelt werden, die den Betrachter eher an konstruierte Flügel denken lassen sollte. Es war die Absicht, Gleitflügel eines sogenannten „Normalsegelapparats“ oder „Einmann-Gleitseglers“, wie die von Otto Lilienthal entwickelten, darzustellen. Hier stießen wir aber an die Grenze des machbaren, was den heraldischen Katalog der „gemeinen Figuren“ anging.

Da in „heraldisch korrekten“ Familienwappen modernes Fluggerät und Avionik keinen Platz finden, suchten wir nach einem ursprünglicheren Symbol um diesem Wunsch entgegen zu kommen. Was lag da näher, als die Flügel eines Einmann-Seglers, die konzeptionell sehr stark an die Struktur von Fledermausflügeln oder Vogelschwingen erinnern, wie schon bekannte Skizzen von Leonardo da Vinci (Teil-Abb. Oben) zeigen. Der Entwurf der Schwingen erinnerte zudem an Drachenflügel, die gerne in Zusammenhang mit Rittertum und Mittelalter gesehen werden und deshalb auch später in der Symbolerklärung verwendet wurden.

Das Flügelpaar kann vom Betrachter am Ende sowohl als ausgeprägte Flügelknochen, als auch konstruierte Streben gedeutet werden – in Anlehnung an die vorgenannten Gleitsegler. Die facettierte silberne Windrose wurde mittels eines Rings zwischen das Flügelpaar eingestemmt um als Verbindung zwischen den Flügeln zu fungieren.

Das Wappenschild

Die Berufsstände der ersten bekannten Vorfahren waren Ackersmann und Landwirt. Um dies aufzugreifen, wählten wir hier zwei entgegenlaufende, stilisierte Pflüge, die als Heroldsbild die angedeutete Form des Anfangsbuchstabens des Familiennamens annahmen.

Über das klassische Wagenrad, das in der Heraldik zumeist für Berufsstände wie die des Stellmachers oder Wagners steht, transportierten wir die technischen Entwicklungen der Menschheit, vom Wagen über den Pflug bis hin zum modernen Fortbewegungsmittel. Eine „Gemeine Figur“ hatte ihren Platz im Familienwappen gefunden.

Familienwappen-Gestaltung-HolsteinMit der gesamten Farbgebung und den wechselseitig tingierten Bogenbalken wurde der Bezug zur geografischen Herkunft der Familie und der Wahlheimat des Wappenstifters hergestellt.

Durch die Kombination von gemeiner Figur, Heroldsbild und Helmzier, konnten wir eine Brücke zwischen dem Wunsch des Wappenstifters und den Rahmenbedingungen der Wappenkunst schlagen und ein Familienwappen gestalten, das allen Anforderungen gerecht wird.

Die Eintragung in die Deutsche Wappenrolle erfolgte im April 2015.

© Holstein Salahor, Wappengestaltung und Signets